Ich warte auf den Bus.
Neben mir sitzen zwei Herren. Einer ganz in weiß, der andere in pinkem T-Shirt. Beide sprechen - wie sich später herausstellt - Kroatisch. Letztgenannter kommt mit mir ins Gespräch. Also eigentlich will er wohl nur folgendes loswerden:
"Wiii arrr doooctooorrrrs." (rrr = gerolltes "R")
Ich spare mir einen entsprechenden Satz und sage stattdessen mit hochgezogenen Augenbrauen: "Yeah, really?"
Ich erfahre im weiteren, dass die beiden Doktoren gerade von einem Kongress kommen und jetzt noch einen Tag off haben. Aber trotzdem ist der Herr Doktor in pink so gnädig: "Ai triiit se piiipl in se hoootell." Und dabei muss er auch gleich ergänzen, dass die hiiiling rrreit bei ihm hier auch wärrrii haaai ist. (Ich denke nur kurz, dass das ja wirklich bei ihm alles sehr schnell healen muss, wenn er das gleich nach einem oder zwei Tagen so direkt sagen kann. Naja, wer weiß, vielleicht hat er hier ja schon öfter gehealt.)
Achja, und seine Frau iiis a deentiiiist. Außerdem hat er drei Töchter, und auf die muss er seine Liebe gleichmäßig verteilen - Handschwenk über die Einkaustüten.
Der weiße Doktor zieht aus seinen Einkaufstüten ein Paar Clocks, also diese Gummilatschen, die es schon seit längerem überall gibt. Der pinke Doktor sagt was auf Kroatisch und zieht aus seinen Einkäufen die gleichen raus. Angeblich sei das unabsichtlich geschehen. Na wenigstens weiß man jetzt, dass die beiden zusammengehören. Ich erfahre noch, dass sein Kollege in weiß Vierteldeutscher ist. Aha.
Ich schaue ein wenig in der Gegend rum in der Hoffnung, dem weiteren small talk zu entgehen. Bei meinem in-die-Leere-Starren bleiben meine Augen unversehens, aber wohl sichtbar für eine Chilenin (rechts von mir - die Doooctooorrrrs sind links von mir) auf zwei extremely oversized big boops kleben. Die Chilenin ergreift die Gelegenheit und verwickelt mich in ein Brüste-Gespräch! Dabei startet sie zunächst wie selbstverständlich auf Spanisch. Ich erkläre that I don't speak Spanish in der Hoffnung, das Gespräch knapp zu halten. Allerdings schwenkt sie direkt auf Englisch um, woraufhin ich mich - der englischen Sprache mächtig - dem Brüste-Gespräch nicht mehr entziehen kann. "I am a writer", und sie will ein Buch über Brüste schreiben; genauer gesagt über eben solche, an denen meine Augen versehentlich kleben blieben. Ich erfahre im weiteren Gesrpäch, dass sie dazu sowohl Frauen mit solchen big boops und solche, die besagte haben wollen, als auch Ärzte interviewen möchte. Was sie nämlich weiß und mir mit traurigem Blick mitteilt: Ihre Freundinnen (die mit den big boops) have no feelings anymore. Ich bekomme das noch in einer weiteren detaillierten Ausführung erklärt. Und das sagen einem die Ärzte ja vorher nicht. (Anmerkung der Redaktion: In Wahrheit will sie sich selbst die Brüste machen lassen und sammelt Informationen beider Seiten zusammen.)
Der pinke Doooctooorrrr möchte sich auch gern ins Brüste-Gespräch einmischen, aber er schafft es nicht. Der hat nämlich was mit Füßen zu tun. Da liegt der Schnittpunkt ja irgendwie auf Oberschenkelhöhe und das passt nun nicht ganz.
Der Bus kommt.
Neben mir ist noch ein Platz frei und als eine Frau mit kleinen Knubbeln auf den Augen (wie ich finde für ihr Alter eher ungewöhnlich) fragt, ob noch frei sei und sie sich setzen dürfe, sage ich nur kurz sure, denn eigentlich habe ich keine Lust mehr auf ein weiteres komisches Gespräch. Wir müssen aber beide über die Leute mit ihren vielen Einkaufstüten schmunzeln (zu denen wir auch gehören). Also kommen wir doch ins Gespräch. Nach ein paar Sätzen darüber, dass man mittlerweile doch mehr auf den Preis schaut als früher, erfahre ich, dass die Dame aber nur hier gescheite Kleidung in ihrer Größe bekommt.
Die Antwort auf meine Frage "Where are you from?" lautet "Guatemala".
Als ich dann sage, dass ich aus Deutschland bin, fängt sie breit an zu lächeln und sagt in absolut akzentfreiem Hochdeutsch "Ich spreche auch Deutsch". Die restliche Unterhaltung führen wir dann auf Deutsch weiter.
Es ist nämlich so, dass ihre Urgroßmutter quasi als Pionierin und Lehrerin Anfang des 20. Jahrhunderts nach Guatemala gegangen ist, dort geheiratet hat, und die Kinder nach Deutschland zur Schule geschickt hat (also Oma & Opa). Ihre Eltern sind noch im Kindesalter von Deutschland nach Guatemala gegangen. Sie selbst war bisher nur ganze zweimal in Deutschland, spricht aber so gut Deutsch, weil ihre Eltern zuhause (in Guatemala) neben der Amtssprache Spanisch weiterhin in ihrer Muttersprache gesprochen haben. In Guatemala gibt es außerdem mehr als 20 andere Sprachen; da versteht sich schon manchmal das nächste Dorf nicht mehr. Wusste ich auch nicht.
Wir unterhalten uns noch ein bisschen über Hunde und Katzen, Arbeit und Kinder, Polizei und Korruption, dies und das. Sie wird besonders aufmerksam und ist sehr interessiert als ich über den Rhein, die Weinberge, den Wein und den Taunus erzähle. Mit Blick aufs Wasser sind wir uns beide darüber einig:
Das Sitzen am Wasser hat etwas Beruhigendes.
Mittlerweile ist es dunkel, und wir fahren durch Downtown, Miami.
Bei Tag betrachtet, muss ich beim Anblick der Skyline unweigerlich an Horatio denken.
Ich mag sie. Die Skyline von Miami.
Allerdings kam ich (aus Sicherheitsgründen) bisher nicht in den Genuß der näheren Betrachtung der Gebäude bei Nacht. Wie in vielen Großstädten bewundere ich - trotz meiner Naturverbundenheit - die Kreationen der Architekten oft. Die Kombination aus Architektur und kreativer Lichtgebung ist meines Erachtens nach in Miami sehr gut gelungen. Ich klebe an der Scheibe und betrachte die nächtlichen, durch verschiedene Lichtfarben wunderbar in Szene gesetzten architektonischen Ergüsse. Die Gebäude ziehen an mir vorbei. Der Gedanke daran, dass zu Hochzeiten hinter jedem Fenster eine Klimaanlage auf Hochtouren läuft, drückt dabei allerdings ein wenig die Stimmung.
Ich bin fast da. Und ich verabschiede mich. Und ich wünsche eine gute und sichere Heimreise. Und ich denke über das Gespräch nach. Und ich sah, dass es gut war.
Und was lernen wir daraus?
1.) Ärzte arbeiten auch gerne mal gönnerhaft im Urlaub und erkaufen sich Liebe.
2.) Plastisch-chirurgisch herbeigeführte Vergrößerungen der Brüste führen zu Gefühlsverlust eben solcher.
3.) In Guatemala werden sehr viele verschiedene Sprachen gesprochen.
Anmerkungen zu:
1.) Das trifft sicher nicht auf alle Ärzte zu.
2.) Dazu kann ich keinerlei bestätigende oder widersprechende Aussage treffen.
3.) Das stimmt. Laut Wikipedia werden in Guatemale 23 indigene Sprachen gesprochen.
Reisen bildet.